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Thema: noch ein Text

  1. #1
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    Standard noch ein Text

    Leica oder die Schule der fotografischen Selbsttäuschung

    Warum mir die Leicareife vermutlich verborgen bleiben wird

    Es gibt in der Fotografie offenbar Entwicklungsstufen, deren Existenz mir lange verborgen geblieben sind. Ich war tatsächlich so naiv zu glauben, dass die entscheidende Fähigkeit eines Fotografen darin besteht, etwas zu sehen, einen Augenblick zu erkennen und aus der unüberschaubaren Menge alltäglicher Eindrücke jene wenigen herauszufiltern, die eine Bedeutung besitzen. Eine geradezu primitive Vorstellung, wie ich inzwischen einsehen musste. Denn neben dieser alten Idee des Fotografen, der mit offenen Augen durch die Welt geht und versucht, eine eigene Sichtweise zu entwickeln, existiert offenbar eine weitaus höhere Form fotografischer Bildung: die Leicareife.

    Ich muss gestehen, dass ich diesen Begriff lange unterschätzt habe. Zunächst hielt ich ihn für eine augenzwinkernde Bezeichnung jener besonderen Begeisterung, die Menschen für ein hochwertiges Werkzeug entwickeln können. Ich dachte, es gehe um die Freude an präziser Mechanik, um die Wertschätzung einer langen Tradition und um die verständliche Begeisterung für ein außergewöhnlich gefertigtes Produkt. Doch je länger ich die Sprache, die Rituale und die Selbstbeschreibungen dieser Welt beobachtete, desto deutlicher wurde mir, dass es sich um weit mehr handeln muss. Die Leicareife ist kein gewöhnlicher Zustand der Zufriedenheit mit einer Kameramarke. Sie scheint vielmehr eine Art fotografische Erleuchtung zu sein, eine höhere Stufe der Erkenntnis, die den Menschen über das bloße Fotografieren hinausführt und ihn in jene Sphäre erhebt, in der die Kamera nicht mehr nur Werkzeug ist, sondern Ausdruck einer bereits erreichten geistigen und ästhetischen Entwicklung.

    Leider ist mir dieser Aufstieg bisher nicht gelungen.

    Ich bin bedauerlicherweise auf einer sehr einfachen Stufe stehen geblieben. Ich sehe eine Kamera noch immer als Kamera. Ich betrachte sie als ein Werkzeug, das mir helfen soll, etwas festzuhalten, eine Beobachtung sichtbar zu machen oder eine Idee in eine Form zu bringen, die über den Moment hinaus Bestand haben kann. Eine ausgesprochen begrenzte Sichtweise, denn der gereifte Leica-Anwender hat längst erkannt, dass die eigentliche Bedeutung eines fotografischen Werkzeugs nicht unbedingt in dem liegt, was damit entsteht, sondern in dem, was der Besitz dieses Werkzeugs über seinen Besitzer aussagt.

    Hier beginnt meine Unreife.

    Während ich mich noch mit der völlig nebensächlichen Frage beschäftige, ob ein Bild interessant ist, ob es eine Atmosphäre besitzt oder ob es einen Gedanken vermittelt, haben andere längst entscheidende Ebenen der Fotografie erreicht. Sie beschäftigen sich mit der subtilen Zeichnung verschiedener Objektive, mit den Eigenheiten bestimmter Baujahre und mit den historischen Besonderheiten einzelner Modelle. Sie wissen, welche Linse welchen Charakter besitzt, welche Fertigungsperiode besonders begehrt ist und welche technische Entscheidung angeblich Rückschlüsse auf die geistige Haltung des Fotografen erlaubt.

    Ich hingegen stehe weiterhin ratlos vor einem Bild und frage mich, warum es mich berührt oder warum es mich völlig kalt lässt.

    Ein bedauerlicher Mangel an Entwicklung.

    Vielleicht liegt mein größtes Problem darin, dass ich Fotografie noch immer für eine Angelegenheit des Sehens halte. Ich habe nie vollständig verstanden, warum eine tiefgehende Kenntnis der technischen Voraussetzungen automatisch zu einer tiefgehenden Kenntnis des fotografischen Ausdrucks führen sollte. Natürlich ist Wissen über Werkzeuge wertvoll. Natürlich kann ein Fotograf von einem guten Werkzeug profitieren. Aber irgendwo zwischen dem Verständnis für ein Werkzeug und der Überzeugung, durch dieses Werkzeug selbst eine besondere fotografische Identität erworben zu haben, liegt eine Grenze, die erstaunlich leicht überschritten wird.

    Dort beginnt die eigentliche Schule der fotografischen Selbsttäuschung.

    Es ist eine bemerkenswerte Erscheinung: Menschen können sich jahrelang mit der Geschichte einer Marke beschäftigen, jede technische Besonderheit eines Objektivs erklären und die Unterschiede zwischen einzelnen Modellen mit einer Genauigkeit darstellen, die bei einem Ingenieur Bewunderung hervorrufen würde. Gleichzeitig bleibt die unangenehme Frage nach dem eigenen fotografischen Ausdruck erstaunlich oft unbeantwortet. Man kennt die Historie des Objektivs, aber nicht die Herkunft der eigenen Bildideen. Man kennt die Charakteristik eines Sensors oder Films, aber nicht den Charakter der eigenen Fotografie.

    Vielleicht ist das kein Zufall.

    Denn technische Dinge besitzen einen entscheidenden Vorteil gegenüber künstlerischen Fähigkeiten: Sie lassen sich erwerben. Man kann sie kaufen, vergleichen, sammeln und besitzen. Kreativität hingegen ist ein wesentlich widerspenstigerer Begleiter. Sie lässt sich nicht bestellen, nicht gravieren und nicht durch eine traditionsreiche Marke ersetzen.

    Es gibt kein Objektiv, das einem einen eigenen Blick liefert. Es gibt keine Kamera, die aus einem Menschen jemanden macht, der tatsächlich etwas zu sagen hat.

    Aber man kann eine Leica kaufen.

    Und genau darin liegt ihre besondere Faszination. Sie bietet nicht nur ein Werkzeug, sondern eine Geschichte, in die man eintreten kann. Sie liefert eine Vorstellung davon, wer man als Fotograf sein möchte. Sie verwandelt technische Entscheidungen in persönliche Eigenschaften. Aus einer Einschränkung wird Konsequenz. Aus fehlender Bequemlichkeit wird bewusste Reduktion. Aus dem Verzicht auf moderne Möglichkeiten wird eine Erklärung über die eigene Ernsthaftigkeit.

    Die Leica ist damit weit mehr als ein Fotoapparat. Sie ist ein ausgesprochen elegantes Versprechen.

    Sie verspricht ihrem Besitzer, dass er anders arbeitet als die Masse. Dass er bewusster sieht. Dass er nicht einfach nur auslöst, sondern gestaltet. Dass er sich der Oberflächlichkeit moderner Fotografie entzieht.

    Und dieses Versprechen ist besonders attraktiv, weil es eine unangenehme Wahrheit umgeht: Dass der entscheidende Unterschied zwischen einem bedeutenden Fotografen und einem beliebigen Bildproduzenten nicht im Werkzeug liegt, sondern in der Fähigkeit, etwas Eigenes wahrzunehmen.

    Denn genau dort wird es schwierig.

    Sehen ist eine unbequeme Angelegenheit. Sehen bedeutet, sich selbst infrage stellen zu müssen. Es bedeutet, die Möglichkeit auszuhalten, dass ein teures Werkzeug keine Garantie für einen interessanten Blick bietet. Es bedeutet, zu akzeptieren, dass nach Jahren der Beschäftigung mit Fotografie vielleicht nicht die Kamera, sondern die eigene Vorstellungskraft die größte Begrenzung darstellt.

    Diese Erkenntnis ist schwerer zu ertragen als jede technische Diskussion.

    Vielleicht ist es deshalb so verführerisch, sich auf das Messbare zu konzentrieren. Objektive haben Eigenschaften. Kameras haben Daten. Seriennummern haben Ordnung. Historien lassen sich recherchieren. Die eigene kreative Fähigkeit hingegen entzieht sich jeder sicheren Bewertung. Ein Bild kann nicht mit einer Tabelle verteidigt werden. Es kann nicht durch technische Argumente besser gemacht werden. Es steht einfach da und muss bestehen.

    Oder eben nicht.

    Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Tragik dieser besonderen Form fotografischer Leidenschaft: Man verfügt über eine beeindruckende Kenntnis der Bedingungen der Fotografie, ohne sich der unangenehmen Prüfung des Ergebnisses auszusetzen. Man weiß alles über das Werkzeug der Kunst und erstaunlich wenig über die Kunst selbst. Man kann über Mikrokontrast, optische Signaturen und Fertigungsdetails sprechen, während das eigene Bild am Ende vor allem eines bleibt: eine technisch sauber ausgeführte Aufnahme ohne zwingenden Grund, warum sie überhaupt existieren sollte.

    Das ist der Moment, in dem aus Leidenschaft eine Ersatzhandlung werden kann.

    Die Leica wird zur fotografischen Potenzprothese.

    Nicht weil sie schlecht wäre. Im Gegenteil. Gerade weil sie ein hervorragendes Werkzeug ist, kann sie so wirkungsvoll jene Lücke verdecken, die eigentlich nur durch eigenes Sehen, eigenes Denken und eigene Arbeit geschlossen werden kann. Sie vermittelt Sicherheit dort, wo Unsicherheit notwendig wäre. Sie erzeugt das Gefühl von Kompetenz, bevor die eigentliche Arbeit geleistet wurde. Sie gibt ihrem Besitzer die beruhigende Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein, selbst wenn dieser Weg manchmal vor allem aus Gesprächen über das richtige Werkzeug besteht.

    Natürlich wird niemand diesen Gedanken gerne hören. Niemand möchte glauben, dass sein sorgfältig gewähltes, hochwertiges und traditionsreiches Werkzeug vielleicht auch eine Funktion erfüllt, die über die reine Fotografie hinausgeht. Viel angenehmer ist es, die eigene Ausrüstung als Ausdruck einer bereits vorhandenen fotografischen Reife zu betrachten.

    Vielleicht werde ich deshalb die Leicareife niemals erreichen.

    Mir fehlt offenbar die notwendige Fähigkeit, in einer Leica mehr zu sehen als einen Gegenstand. Ich bin nicht in der Lage, aus einer Kamera aus Wetzlar eine künstlerische Haltung abzuleiten. Ich bleibe bei der vermutlich überholten Vorstellung, dass ein Fotograf nicht durch das Werkzeug definiert wird, sondern durch das, was er damit sichtbar macht.

    Eine erschreckend unreife Haltung.

    Ich werde also weiterhin versuchen, Bilder zu machen, anstatt eine Geschichte über meine Ausrüstung zu erzählen. Ich werde weiterhin den mühsamen Weg gehen, auf dem nicht die Kamera für mich spricht, sondern ich selbst für meine Bilder verantwortlich bin. Ich werde weiterhin mit der unangenehmen Tatsache leben müssen, dass kein Objektiv der Welt
    fehlende Vorstellungskraft ersetzt und keine Mechanik einen eigenen Blick erzeugt.

    Vielleicht ist das mein persönliches Versagen.

    Vielleicht werde ich die Leicareife tatsächlich niemals erreichen.

    Aber solange ich noch glaube, dass am Ende nicht die Kamera beurteilt wird, sondern das Bild, das durch sie entstanden ist, bleibt mir zumindest ein kleiner Trost:

    Ich bin vielleicht nicht weit genug entwickelt, um die höhere Wahrheit des roten Punktes zu verstehen.

    Ich bin dann wohl weiterhin nur Fotograf geblieben.

    Und habe viel Geld gespart.

  2. Folgender Benutzer sagt "Danke", Hans Dampf :


  3. #2
    Hardcore-Poster
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    Standard

    Zitat Zitat von Hans Dampf Beitrag anzeigen

    Ich bin bedauerlicherweise auf einer sehr einfachen Stufe stehen geblieben. Ich sehe eine Kamera noch immer als Kamera. Ich betrachte sie als ein Werkzeug, das mir helfen soll, etwas festzuhalten, eine Beobachtung sichtbar zu machen oder eine Idee in eine Form zu bringen, die über den Moment hinaus Bestand haben kann.

    Während ich mich noch mit der völlig nebensächlichen Frage beschäftige, ob ein Bild interessant ist, ob es eine Atmosphäre besitzt oder ob es einen Gedanken vermittelt, ...



    es eine unangenehme Wahrheit ... : Dass der entscheidende Unterschied zwischen einem bedeutenden Fotografen und einem beliebigen Bildproduzenten nicht im Werkzeug liegt, sondern in der Fähigkeit, etwas Eigenes wahrzunehmen.

    Denn genau dort wird es schwierig.

    Sehen ist eine unbequeme Angelegenheit. Sehen bedeutet, sich selbst infrage stellen zu müssen. Es bedeutet, die Möglichkeit auszuhalten, dass ein teures Werkzeug keine Garantie für einen interessanten Blick bietet. Es bedeutet, zu akzeptieren, dass nach Jahren der Beschäftigung mit Fotografie vielleicht nicht die Kamera, sondern die eigene Vorstellungskraft die größte Begrenzung darstellt.

    Diese Erkenntnis ist schwerer zu ertragen als jede technische Diskussion.
    Ich habe mal auf die für mich entscheidenden Abschnitte reduziert, denen ich voll zustimmen kann.

    Es braucht kein spezifisches Leica-Bashing, das ganze gilt für jede beliebige aktuelle Kameramarke und die Auswüchse von deren Marketing-Menschen. Und die "engagierten Fotografen" lassen sich davon anstecken. Man kann sich das schön im blauen Nachbarforum ansehen, wo es immer neuer, besser, schärfer, schneller ... sein muss. Kommerz pur halt.

    Btw: Ich lebe hier in einem tierfreien ääh Leica-freien Haushalt, naja, stimmt nicht ganz: es gibt im Schrank ein paar Leica-Optiken, auf denen allerdings das Minolta MD- bzw. AF-Label drauf ist

  4. Folgender Benutzer sagt "Danke", PeterWa :


  5. #3
    Spitzenkommentierer Avatar von waldbeutler
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    Standard

    Ich habe in den letzten 60 Jahren das Sehen vordem Fotografieren geübt.
    Inwischen bin ich so "weit" damit gekommen, dass ich im Falle, dass mir etwas begegnet, was ich für des Fotografierens würdig erachte, mir überlege, ob das nicht jemand sehr ähnlich oder fast genau so schon fotografiert hat.
    Wenn ich dann zu dem Schluss komme, dass es bereits so ähnlich fotografiert wurde, und für mich keinen zusätzlichen Wert hätte, dass ich es fotografiere, lass' ich es sein.
    Gruß, Michael

  6. #4
    de Vörstand Avatar von hinnerker
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    Blinzeln

    Welch langer Text, who

    Im Grunde sagt er, das des Fotografenherz nicht von der Kameramarke/Herstellermarke abhängig ist und auch nicht darüber entscheidet, ob man "fotografisch Sehen" lernt. Darüber entscheidet eigentlich nur ein waches Auge, Inspiration, Vorstellungskraft und einige bewußt erlebte physikalische Dinge. Sei es die Farblehre, Harmonie oder Disharmonie der Gestaltungselemente, im Portraitbereich auch die Frage der Kommunikation und der Fähigkeit andere Menschen anzuleiten. Es gibt tausenderlei Dinge, die hier hinein spielen. Das geringste von allem ist eigentlich die Frage nach Leica oder Nicht - Leica. Leica ist ein Werkzeug mit langer Historie und Vorreiter-Rolle im Meßsucher Bereich. Sie kam vielfach im frühen Pressebereich zum Einsatz, weil damit einfach schnell und unkompliziert Menschen und unbemerkt Streetfotografie betrieben werden konnte. Ich sag das aus eigener Erfahrung. Ich hab mit Spiegelreflex - Kameras angefangen in der Presseagentur und auf meine Canons "geschworen". Damals kannte ich noch keine M-Leicas und das schnelle arbeiten damit. Erst als mir mein Chef damals eine M3 Agenturkamera in die Hand drückte kam ich stückchenweise auf den Geschmack schnell Personen, Gruppen und Schnappschüsse damit schneller als mit der SLR zu machen. Insbesondere die lautlose Fotografie war oft entscheidend, wenn z.B. damals Gerd Fröbe in Hamburg auf "dem Schiff" eine Buchlesung vor 50 Leuten machte, wo lauter Spiegelschlag von SLR Kameras den Unmut des Publikums hervorgerufen hätte.

    Oder im SLR Bereich meine Canon F1, die in einem Sprung vom Gurt riss und nach dem Aufschlagen auf dem Boden nur noch Schrott war. Mit meiner spater angeschafften Leica SLmot blieb eine ähnliche Szene folgenlos.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Es gibt keine "Leica - Reife" sondern gute Gründe und historische Hintergründe, weshalb man eine Leica haben sollte, sei es nur um die mal kennen zu lernen. Das erspart "Neid - Debatten" bringt zur Erkenntnis, das man sie eigentlich nicht braucht, es aber trotzdem schön ist, einmal ein stückchen deutsche Kamera-Baukunst in Händen zu halten.

    LG Henry
    Canon EOS 5D MKIII, 5D MKI, Canon 1D MK IV, Sony A7, NEX7, A7 II.. und viele, viele feine Objektive aus dem Altglas-Container..

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