Der vermutliche Grund für dieses Verhalten vieler Kamera-Belichtungsmesser wird tatsächlich nicht kommuniziert.
Ich habe jedenfalls die Begründung dafür in meinen 37 Jahren Fotopraxis noch nirgendwo gelesen.
Es war schon an den alten Praktica MTL5b so, dass man bei Offenblende 1,8 scheinbar mehr belichten musste,
als abgeblendet. Meine Sigmas verhalten sich da allesamt genau so, schon bei Blende 1,8 muss scheinbar mehr
belichtet werden als bei 2,8, die Canon Ftb und Canon EF-SLR die ich mal hatte, verhielten sich so,
und sicherlich sind viele viele andere Kameras auch genau so "gestrickt".
Der Grund ist vermutlich folgender (Ich hole mal ein bisschen aus):
Der Reflexsucher einer SLR bzw. DSLR sieht in der Regel nicht den vollen Strahlengang
eines hoch öffnenden Objektives, weil die Randstrahlen
- teilweise gar nicht vom Spiegel auf die Mattscheibe umgelenkt werden
- von den Mikroprismen oder Fresnelllinsen-Elementen in der Mattscheibe wegen ihres schrägen
Auftreffwinkels weniger "wahrgenommen" werden als die zentralen, senkrecht auftreffenden Strahlen
aus dem Objektiv. Die wirksam im Reflexsucher gesehene Blende einer (D)SLR liegt so im Bereich
4...5,6, je nach Design der Mattscheibe, je nach Strahlengang in der Kamera, und je nach individuellem
Strahlengang des individuellen Objektives. Das ganze Phänomen nennt sich Sucher-Apertur.
Daher stammt der Effekt, dass es sehr schwer bis unmöglich ist, hochöffnende Objektive mit
Spiegelreflexsuchern wirklich korrekt scharfzustellen, und wenn dann nur mit einer
extra eingebauten "nur matten" Mattscheibe. Eine Konsequenz daraus ist, bei Blende
2,8 scharfzustellen, wenn man mit Blende 2.8 an einem 1,4er Objektiv fotografieren möchte.
Der regelmäßig gegebene Tipp, bei Offenblende zu fokussieren, und dann die Blende zu schließen,
führt bei hoch öffnenden Objektiven systematisch zu einem leichten Fehlfokus.
(das Fachwort dafür, für evtl. Vertiefung, lautet Fokus-Shift)
(Im Sucher meiner Sigmas sehe ich übrigens bei Verwendung heftigts kringelnder Objektive keine einzigen
Kringel, Streuscheiben ja, aber ohne jede Randaufhellung, eben weil die Randstahlen des Objektives,
welche die Kringel erzeugen, überhaupt nicht im Sucher bildwirksam werden. )
Die AF-Einheit vieler Kameras ist je nach technischer Ausführung ebenso blind für die Randstrahlen
hochöffnender Objektive. Jedenfalls dann, wenn nicht auf dem Bildsensor gemessen wird
(Liveview), sondern ein getrenntes AF-System zum Einsatz kommt. Das wird teilweise
sogar kommuniziert. Die typische AF-Apertur bei Spiegelreflexkameras ist Blende 5,6, das
heißt, das AF-System "sieht" auch bei extrem hoch öffnenden Objektiven immer nur maximal
die Blende 5,6. Darum stimmt übrigens der Schärfeindikator (welcher ja seine Info aus dem
AF-Sensorsystem bezieht) bei Verwendung hoch öffnender Altgläser nicht mehr so ganz genau.
Je nach konstruktiv-technischer Ausführung des Belichtungsmesssystems ist sehr wahrscheinlich,
dass auch hier die Randstrahlen eines hoch öffnenden Objektives entweder unterbewertet,
oder überhaupt gar nicht "gesehen" werden. Die Folge ist ein systematischer Fehler, eine
scheinbare Unterbelichtung bei hochöffnenden Objektiven und Offenblende, bzw. die Belichtung
des Bildes steigt scheinbar beim Schließen der Blende an.
Genau das ist gut beobachtbar, und das beschreibst Du ja auch.
Bei einem nicht so weit öffnenden Zoom oder einer f/4-Festbrennweite ist von alledem noch nichts zu merken.
Bei Blende 2,8 sind die Effekte auch noch nicht auffällig. Aber sobald ein 1,8er oder gar 1,4er, 1,2er - Objektiv
an der Kamera hängt, greifen all diese "Probleme".
Wohl dem, der eine spiegellose Kamera sein Eigen nennt. Da sind diese Themen einfach irrelevant.
Ich hoffe, zur Erhellung beigetragen zu haben, und hoffe, der Schlenker über die SLR-Sucher-Apertur und
AF-Apertur, hin zur postulierten Belichtungsmesser-Apertur war dem Verständnis dienlich.
Scheinbar drei verschiedene Dinge, aber jedesmal der selbe zu Grunde liegende physikalisch-technische
Mechanismus: Die Systeme sind konstruktiv bedingt "blind" für die Randstrahlen hoch öffnender Objektive.
Herzliche Grüße in die Runde, vom Waldschrat!
PS: Was das jetzt für Deinen Chip bedeutet? Keine Ahnung. Ich hatte noch nie so einen Chip
in den Händen, geschweige denn in einer Verwendung.





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