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Fürs Wochenende
Vorbemerkung
Eine Vorwarnung: Der folgende Text enthält einige Wörter, die man in vornehmer Gesellschaft vermutlich nicht auf die Tischkarte setzen würde. Das ist bedauerlich, aber manchmal lässt sich eine Sache mit einem sauberen Vokabular eben nicht sauber beschreiben.
Auch dieser Text wird demnächst in einem Blog erscheinen – gemeinsam mit zahlreichen anderen Beiträgen, von denen einige vermutlich erheblich klüger, interessanter und besser geschrieben sein werden.
Die Anregung dazu stammt, wie so vieles bei mir, aus dem ganz normalen Leben – genauer gesagt aus dem Lesen von Fotoforen. Ich lese dort mit großem Interesse, besonders dann, wenn aus Kameras Persönlichkeiten werden, aus Objektiven Charaktere und aus technischen Geräten langjährige Weggefährten. Es ist erstaunlich, was ein wenig Metall, Glas und Nostalgie beim gemeinen Hobbyknipser auslösen können.
Vielleicht ergibt sich daraus auch ein weiterer Text. Etwa über die erstaunliche Welt der Aktfotografie: über Männer, die mit großer Hingabe junge weibliche Körper fotografieren, und die interessante Frage, warum ausgerechnet ältere Männer daran bisweilen einen besonders nachhaltigen Gefallen finden. Auch die Bilder, die dazu in Fotoforen auftauchen, dürften einiges zu erzählen haben.
Für weitere Anregungen bin ich selbstverständlich dankbar. Fotoforen liefern schließlich zuverlässig Nachschub.
Doch zunächst widmen wir uns einer alten Nikon und der nicht ganz uninteressanten Frage, wann aus fotografischer Leidenschaft eigentlich etwas anderes wird.
Wenn Knipser ihre Kamera küssen – Kerle aber Frauen lieben
Es gibt Männer, die über eine alte Nikon sprechen, als hätten sie nicht einen Fotoapparat aus dem Schrank geholt, sondern eine verschollene Geliebte wiedergefunden. „Sie hat mich durch die Welt begleitet“, heißt es dann. Wie bitte? Sie hat dich begleitet? Du hast das Ding in eine Tasche gesteckt und bist damit nach Marrakesch geflogen. Die F2 hat weder einen Koffer gepackt noch ein Flugticket bezahlt, geschweige denn am Flughafen über das miserable Frühstück geschimpft. Sie lag zwischen deinen Unterhosen und wartete darauf, dass du endlich auf den Auslöser drückst. Das ist keine Begleitung. Das ist Gepäck mit Verschluss. Und wenn ein erwachsener Mann erzählt, er habe den Verkauf aus emotionaler Sicht immer bereut, möchte man eigentlich nur noch wissen, ob er die Trennung von seiner Frau ebenfalls so innig und detailliert verarbeitet hat.
Denn diese Kameramänner haben eine eigentümliche Vorstellung von Liebe. Sie sprechen von ihren Apparaten mit jener Mischung aus Sehnsucht, Besitzstolz und körperlicher Erregung, die man normalerweise aus schlechten Liebesromanen kennt. Die Kamera ist treu, ehrlich, charakterstark, immer für einen da und – jetzt wird es interessant – ihr Motorantrieb sei einfach nur erotisch. Erotisch? Eine F2? Da sitzt also ein erwachsener Mann vor einem schwarzen Kasten aus Metall und Glas und bekommt beim Geräusch eines mechanischen Verschlusses einen Steifen. Man möchte ihm die Kamera gar nicht wegnehmen. Man möchte nur höflich fragen, ob er regelmäßig mit ihr schläft. Wenn das trockene Klack eines Verschlusses inzwischen mehr Wirkung entfaltet als das, was früher vor der Linse stand, seine nackte Exfrau, ist die Grenze zwischen Kamerabegeisterung und Erektion mit Bajonettanschluss jedenfalls erstaunlich dünn geworden.
Die F2 selbst dürfte darüber einigermaßen ratlos sein. Sie steht auf dem Schreibtisch und denkt vermutlich: Entschuldigung, was soll das? Ich bin eine Kamera. Das 50er Objektiv liegt daneben und flüstert dem 105er zu, er habe gestern wieder gesagt, sie sei erotisch. Das 105er antwortet, er habe es neulich wunderschön genannt, worauf der MD-2 kurz surrt und erklärt, ihn finde der Mann männlich. Die F2 schaut ihre Kumpels an und stellt fest, dass man hier offenbar ein Problem habe. Das 35er, das bislang geschwiegen hat, hebt langsam den Objektivdeckel und meint, der Mann brauche wahrscheinlich eine Frau. Darauf sagt das 85er: „Hatte er doch.“ – „Eine andere“, antwortet das 35er.
Natürlich darf man eine F2 mögen. Man darf sie sammeln, restaurieren, auf den Schreibtisch stellen und sich über ihre Mechanik freuen. Man darf sich an die Reisen erinnern, die man mit ihr gemacht hat, und man darf sie sogar für völlig irrational viel Geld kaufen, wenn einem danach ist. Aber irgendwo muss ein erwachsener Mensch noch unterscheiden können zwischen einem Gegenstand und einem Menschen. Die F2 hat keine Gefühle, keinen Kummer und keine Angst vor dem Verlassenwerden. Wenn man sie verkauft, schreibt sie keinen Abschiedsbrief, und wenn man sie fünfundzwanzig Jahre in einen Schrank stellt, entwickelt sie keine Sehnsucht, sondern Staub. Sie ist eine Maschine, eine ziemlich gute Maschine, zweifellos, aber eben eine Maschine.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Tragik dieser Geschichte. Denn früher war die Nikon schließlich nicht die Frau, sondern das Werkzeug. Mit ihr wurden Frauen fotografiert, junge Frauen, schöne Frauen, nackte Frauen. Der Fotograf stand hinter der Kamera, die Frau davor, und die Nikon war das Mittel zum Zweck: ein schwarzer Kasten zwischen männlichem Blick und weiblichem Körper. Heute hat sich das Verhältnis offenbar verschoben. Die Frauen sind aus dem Bild verschwunden, die Nikon ist geblieben. Früher war die Kamera das Werkzeug, mit dem man Frauen fotografierte die man rumkriegen wollte. Heute ist sie selbst das Objekt der Begierde.
Man könnte fast sagen, die erotische Karriere des Fotografen habe einen bemerkenswerten Verlauf genommen. Erst fotografierte er nur Frauen, dann fotografierte er Frauen mit einer Nikon, und irgendwann blieb nur noch die Nikon. Vielleicht erklärt das auch das Gerede vom „erotischen“ Motorantrieb. Die F2 muss offenbar nicht mehr bloß auslösen. Sie muss inzwischen selbst etwas auslösen. Und die Kamera macht brav mit, denn sie steht auf dem Schreibtisch, glänzt im Vitrinenlicht und wartet geduldig. Kein Widerspruch, keine Erwartungen, keine Diskussion. Man kann sie streicheln, putzen, polieren und anschließend zufrieden feststellen, dass sie noch immer zuverlässig reagiert. Andere Beziehungen sind komplizierter und widersprechen.
Man möchte fast sagen: Wenigstens eine von beiden funktioniert noch. Das wäre natürlich unfair gegenüber der F2, denn sie kann für diese ganze Angelegenheit überhaupt nichts. Sie wurde nicht gefragt, ob sie eine erotische Aura haben möchte. Sie wurde gebaut, damit Menschen fotografieren können. Sie hat einen Verschluss, einen Spiegel, ein Bajonett und eine Menge Metall. Mehr nicht. Wenn man sie verliert, sitzt sie nicht traurig am Gate und denkt: Warum hat er mich verlassen? Sie liegt irgendwo zwischen einem Koffer aus Stuttgart und einem Kinderwagen aus Madrid. Wenn man sie verkauft, wartet sie nicht nachts auf einen Anruf. Wenn man sie gegen eine Leica eintauscht, weint sie nicht in ein Taschentuch. Sie ist eine Maschine.
Und gerade deshalb ist es so komisch, wenn ausgerechnet sie zur emotionalen Lebensgefährtin erklärt wird. Eine Kamera ist nicht robust, sondern „treu“. Sie ist nicht zuverlässig konstruiert, sondern „lässt mich nie im Stich“. Sie hat keinen Verschluss, sondern „Charakter“. Sie ist nicht Jahrzehnte alt, sondern „gereift“. Und wenn sie nach einer Million Auslösungen immer noch funktioniert, wird aus einem Stück Maschinenbau plötzlich ein Veteran einer gemeinsamen Lebensgeschichte. Man kann förmlich hören, wie die F2 nachts auf dem Schreibtisch zum MD-2 sagt: „Er hat heute wieder von unseren gemeinsamen Jahren erzählt.“ Der MD-2 surrt und fragt: „Welche gemeinsamen Jahre?“ Die F2 antwortet: „Du lagst in seiner Fototasche.“ – „Ich weiß. Aber er nennt es Beziehung.“ – „Dann ist er krank.“ – „Das sage ich ihm seit 1977.“
Besonders schön sind dann die Geschichten von zwei F2 im Phantasialand, die jeweils mehr als eine Million Auslösungen hinter sich haben. Eine Million! Das wird erzählt, als hätten zwei alte Herren persönlich den Mount Everest bestiegen oder in Stalingrad gekämpft. Dabei haben die Kameras eine Million Mal dasselbe gemacht: auf, zu, auf, zu. Ein Verschluss hat gearbeitet. Das ist beeindruckend, aber keine gemeinsame Lebensleistung. Ein Fahrstuhl hat vermutlich ebenfalls Millionen Fahrten hinter sich. Niemand schreibt: Dieser Fahrstuhl hat mich durch schwere Zeiten getragen. Sein Motor klingt erotisch. Wobei das vielleicht nur eine Frage des Marketings ist: Otis Emotional Edition – fährt dich immer nach oben und ist immer für dich da. Für Männer, die ihren Aufzug verstehen.
Und dann kommen D2H, D3, Df, D4, D5 und D6. Alles besser, natürlich: schneller, präziser, leistungsfähiger. Und trotzdem werden sie als seelenlose „Knipsautomaten“ bezeichnet. Auch hier kann man der Kamera nur Unrecht tun. Die D6 hat schließlich nie behauptet, eine Seele zu besitzen. Sie steht wahrscheinlich irgendwo und fragt sich, warum ihr Besitzer sie beleidigt. „Seelenlos?“, sagt sie zur F2. „Ich kann vierzehn Bilder pro Sekunde.“ Die F2 schweigt. „Ich fokussiere im Dunkeln.“ – „Er liebt mich.“ – „Ich kann Gesichter erkennen.“ – „Er liebt mich.“ Dann kommt die Z8 aus der Vitrine und erklärt, sie könne sogar die Augen erkennen. Die F2 schaut sie an und sagt, das sei schön für sie. Die Z8 erklärt, sie könne Vögel erkennen. Die F2 bleibt unbeirrt: „Und trotzdem bin ich die Seele.“ Darauf antwortet die Z8: „Nein. Du bist eine Kamera. Du bist hier offenbar die Einzige, die das verstanden hat.“
Man darf technische Geräte bewundern. Man darf sich an ihnen freuen. Man darf sich sogar in ihre Konstruktion verlieben, wenn man das unbedingt möchte. Aber diese sprachliche Aufrüstung vom Werkzeug zur Geliebten ist bemerkenswert. Denn der Mann liebt irgendwann nicht mehr die Fotografie, sondern seine emotionale Vorstellung von der Maschine. Die F2 wird zur Projektionsfläche für Jugend, Abenteuer, Männlichkeit, Freiheit, Geilheit und Nostalgie. Sie steht für eine Zeit, in der man noch jung war, irgendwohin flog, durch fremde Städte lief und Frauen fotografierte, mit denen man schlief, die man vielleicht nur einmal sah. Die Kamera hat diese Zeit nicht erlebt. Der Mann hat sie erlebt. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Vielleicht wäre die vernünftige Aussage ganz einfach: „Diese Kamera erinnert mich an eine wichtige Zeit meines Lebens.“ Das wäre menschlich, nachvollziehbar und sogar rührend. Stattdessen heißt es: „Sie hat mich nie im Stich gelassen.“ Sie hatte gar keine Wahl. „Sie versteht mich.“ Sie ist eine Kamera. „Sie ist erotisch.“ Jetzt wird es interessant.
Denn irgendwann stellt sich die Frage, ob die Kamera tatsächlich zum Ersatz für etwas geworden ist, das früher einmal vor der Kamera stand. Wo früher Haut war, steht jetzt Messing. Wo früher ein sinnlicher Körper im Sucher erschien, liegt heute ein Objektiv auf dem Tisch. Wo früher der Fotograf hinter der Kamera stand, steht heute offenbar die Kamera selbst im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit. Und vielleicht ist das der eigentliche Fortschritt dieser Geschichte: Der Mann hat seine große Leidenschaft gefunden. Sie ist zuverlässig, anspruchslos und widerspricht ihm nie.
Sie verlangt keine Blumen, möchte keinen Urlaub und fragt nicht, warum schon wieder Geld für altes Zeug ausgegeben wurde. Sie möchte nur, dass jemand ihren Auslöser drückt. Mehr Lebensanspruch hat eine Maschine nicht. Der Mensch dagegen sitzt davor und erklärt sie zur Geliebten. Und da fragt man sich irgendwann nicht mehr, welche Nikon als Nächstes gekauft wird. Man fragt sich, ob der Mann eigentlich noch eine Frau küsst oder inzwischen lieber den Objektivdeckel abnimmt.
Die F2 selbst würde vermutlich irgendwann die Geduld verlieren. Sie würde ihren Besitzer ansehen, den Verschluss einmal trocken auslösen und sagen: „Hör zu. Ich bin eine Maschine. Du bist der Mensch. Such dir bitte eine menschliche Beziehung.“ Der MD-2 würde zustimmend surren, das 50er den Objektivdeckel aufsetzen und das 105er sich diskret abwenden. Die F2 würde noch hinzufügen: „Und hör endlich auf, mich erotisch zu nennen. Ich habe einen Verschluss, keine Muschi und du hast ein Problem.“
Vielleicht ist das überhaupt die größte Ironie dieser Geschichte: Die Kamera, die angeblich Seele hat, ist das vernünftigste Wesen im Raum. Sie weiß, was sie ist. Sie erwartet keine Liebe, verlangt keine Treue, will keine Blumen und keine gemeinsamen Urlaube.
Und so steht die alte F2 am Ende auf dem Schreibtisch, vollkommen unschuldig, mechanisch präzise und völlig ahnungslos von all der Liebe, die man ihr andichtet. Sie verlangt nichts, verspricht nichts und empfindet nichts. Sie wartet einfach darauf, dass jemand den Auslöser drückt. Und wenn es dann trocken und zufrieden „Klack“ macht, ist wenigstens eines im Raum noch zuverlässig.
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